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Legenden von Rübezahl, Fünfte Legende

Description:  Legend by Johann Karl August Musäus
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Fünfte Legende des Rübezahl


Seitdem Mutter Ilse von dem Gnomen so herrlich war beschenkt worden, ließ er lange Zeit nichts mehr von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausmütter an geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann wie den Faden am Rocken; es war aber eitel Fabelei zur Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie, Voltairens Zeitgenossin und Schülerin, war noch in unseren Tagen die letzte Begegnung mit dem Gnomen vorbehalten, bevor er seine jüngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.

Diese Dame, mit Gicht und vornehmen Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden blühenden Töchtern die Reise ins Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräulein nach der Badegesellschaft, nach Bällen und den übrigen Lustbarkeiten des Bades, daß sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein schöner warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel, mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzähliger leuchtender Insekten, die in den Gebüschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturszenen, obwohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es langsam bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls.

Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutschbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vorzeiten so inbrünstig angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn, und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sichern Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft zweiunddreißig Regionen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter, und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm, ob's auch geheuer sei im Gebirge. Obwohl ihn dieser durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur beruhigte, bangte ihm doch das Herz unablässig.

Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Kutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte aus diesem Kutschmanöver nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln, von übermenschlicher Größe, mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenkliche bei der Sache war, daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stand der Wanderer, und regte Wipprecht die Pferde an, so ging auch er weiter. 'Schwager, siehst du was!' rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. 'Freilich sehe ich was,' antwortet dieser ganz kleinlaut; 'aber schweig nur, daß wir's nicht irremachen.' Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte, schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitzscheuer, wenn's in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Geselligkeit vor der gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Instinkt der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: 'Was gibt's?' - 'Ihr Gnaden, schaun Sie einmal aus,' rief Johann mit zagender Stimme, 'dort geht ein Mann ohne Kopf.' - 'Dummkopf, der du bist,' antwortete die Gräfin, 'was träumt deine Pöbelphantasie für Fratzen! Und wenn dem so wäre,' fuhr sie scherzhaft fort, 'so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.' Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht schmecken; ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: 'Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!' Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andere Theorie hatte als die Töchter, strafte die Fräulein dieser Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.

Ihre Rede war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus den Augen geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens groß Entsetzen. Die holden Fräulein und die Zofe, die sonst nicht gewohnt war mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummen Schrecken die Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel ein besonderes Absehen gerichtet zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: 'Alle guten Geister -;' doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungestüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er überkopf von der Zinne des Polsters über den Ringnagel herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt, und das Gespenst keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: 'Nimm das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.' Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.

Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehlte; ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer anderen Richtung um, der Reiter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht loswerden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reisigen einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante übrigens ganz schulgerecht traversierte. Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien.

Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter, daß er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: 'Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?' - 'Wo wird's hingehen,' antwortete das Kutschergespenst mit furchtbarem Trutz, 'wie Ihr seht, der Nase nach.' - 'Wohl!' sprach der Reiter, 'laß sehen Gesell, wo du die Nase hast!' Drauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leibe und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie ordentlicherweise zu haben pflegen. Behend wurde die Maske abgerissen; da kam ein wohlproportionierter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die sichere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reisige sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Diskretion und bat flehentlich um sein Leben. 'Gestrenger Gebirgsherr,' sprach er, 'habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Fußtritte des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte was er wollte, der jederzeit aus dem Charakter mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineinstudiert hatte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal ein Gespenst sein darf.'

Diese Anrede war ein Wort geredet zu seiner Zeit. Der Gnom war gegen seinen Nebenbuhler so ergrimmt und würde ihn erdrosselt haben, wenn nicht seine Neugierde wäre rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteuers zu vernehmen. 'Sitz' auf, Gesell,' sprach er, 'und tue, was du geheißen wirst.' darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete ihn und wollte die Reisegesellschaft freundlich begrüßen.

Aber drinnen war's still wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken hatte das weibliche Nervensystem so gewaltsam erschüttert, daß alle Lebensgeister aus den äußeren Werkzeugen der Empfindung hinter das Schutzgatter der Herzkammer sich geflüchtet hatten; alles was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gnädigen Frau bis auf die Zofe, lag in ohnmächtigem Hinbrüten. Der Reisige wußte indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den erstorbenen Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechglas vor, rieb ihnen von der flüchtigen Essenz an die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der anderen die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Ansehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. 'Es tut mir leid, meine Damen,' redete er sie an, 'daß sie in meinem Gerichtsbezirk von einem entlarvten Bösewicht sind beleidigt worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern ist.' Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm sie mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den armen Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald rechts bald links wenden, und dieser bemerkte ganz eigentlich, daß der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr geheime Aufträge erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.

In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurdenzwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennendenWindlichtern, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hattenund erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollemGleichgewichte, und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichenJohann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzpatrondieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beidenUnglückskameraden aufzusuchen und ihnen nötigen Beistand zu leisten. Balddarauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einem geraumen Vorhofhinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet war.Der Kavalier bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächerseines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammeltwar. Die Fräulein befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß siein Reisekleidern in einen so vornehmen Kreis traten, ohne vorher Toilettegemacht zu haben. Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen gruppierte sichdie Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setztensich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuerwurde viel beredet und, wie es bei Erzählungen überstandener Gefahrengewöhnlich der Fall ist, weiter ausgeschmückt. Bald darauf führte deraufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war einArzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchterforschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenklicheKrankheitsanzeigen ahnte. Obgleich sich die Dame nach Beschaffenheit ihrerUmstände so wohl befand wie jemals, so machte sie doch die angedrohteGefahr für das Leben ängstlich; denn aller Liebesbeschwerden ungeachtet,war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid,das man nicht gern entbehrt, obgleich es abgetragen ist. Auf Verordnungdes Arztes verschluckte sie starke Mengen temperierender Pulver und Tropfen,und die gesunden Töchter mußten wider Willen und Dank dem Beispiel derbesorgten Mutter gleichfalls folgen.

Allzu nachgiebige Patienten machenstrenge Ärzte; der blutdürstige Arzt bestand nun sogar auf einen Aderlaß,zog in Ermangelung seines Handlangers, des Wundarztes, die rote Bindehervor, und die Gräfin bequemte sich zu dem angerühmten Schutzmittel gegenalle schädlichen Wirkungen des Schreckens unweigerlich. Denn nur mit Mühevermochte es die Überredungskunst des Arztes und die mütterliche Autoritätüber die Fräulein, daß sie die Furcht vor dem stählernen Zahn des Schneppersüberwanden und den Fuß ins Wasser setzten. Zuletzt kam auch die Kammerjungfernoch an die Reihe, obgleich sie doch beteuerte, sie sei so blutscheu,daß die kleinste Verwundung von einer Nähnadel ihr Schwindel und Ohnmachtenzu erregen pflege, so kehrte sich der unerbittliche Arzt doch an keinWeigern, entstrumpfte den Fuß des niedlichen Mädchens ohne Barmherzigkeitund bediente sie kunstmäßig und sorgsam wie ihre Herrschaft. Diese Operationwar kaum vollendet, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, woein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische waren bis andas Gesims des Deckengewölbes mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten dagoldene und übergüldete Pokale und Willkommen nebst den dazugehörigenKredenzschalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte ausdem Nebenzimmer und flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weineden Gästen lieblich hinunter.

Nach dem Abräumen der Schüsseln ordneteder Speisemeister den bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen vongefärbten Zucker und Gummi Tragant bestand. Die Gräfin unterließ nicht,das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendetesich an ihren bebänderten Stuhlnachbar, seiner Angabe nach ein böhmischerGraf, fragte neugierig, was für ein Galatag hier gefeiert werde, und erhieltzur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftlicheKollation guter Bekannten, die hier zufälligerweise zusammenträfen.

Esnahm sie wunder, von dem wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesentalweder in noch außerhalb Breslau nie ein Wort gehört zu haben, und so emsigsie auch die vornehmen Geschlechtstafeln durchlief, wovon ihr Gedächtniseinen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunternicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst zu erforschen,wovon sie Aufschluß und Belehrung begehrte; aber dieser wußte ihr so geschicktauszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich riß erden Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Regionen des Geisterreichshinüber; und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton der Geistergeschichtenund Geisterseherei stimmt, wird's selten bald Feierabend, wenigstens gebricht'sin diesen Fächern nie an Worthaltern und horchsamen Zuhörern. Ein wohlgenährterDomherr wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen; manstritt für und wider seine Wahrheit; die Gräfin, die recht in ihrem Elementewar, wenn sie den Lehrton anstimmen und gegen Vorurteile zu Felde ziehenkonnte, setzte sich an die Spitze der philosophischen Partei und triebeinen gelähmten Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war, als die Zunge,und der sich zu Rübezahls rechtlichen Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeistereisehr in die Enge.

'Meine eigene Geschichte,' fügte sie zum Beschlussenoch hinzu, 'ist ein augenscheinlicher Beweis, daß alles, was man vondem berufenen Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebirgesein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften besäße, die ihm Fabler undmüßige Köpfe zueignen, so würde er einem Schurken nicht gestattet haben,solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armseligeUnding von Geist konnte seine Ehre nicht retten und ohne den edelmütigenBeistand des Herrn von Riesental hätte der freche Bube sein Spiel soweitmit uns treiben können, wie er Lust hatte.' - Der Herr vom Hause hattean diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischteer sich mit ins Gespräch und nahm das Wort. 'Sie haben auch das Nichtseindes alten Bewohners dieser Gegend mit guten Gründen genug bewiesen undsein rechtlicher Beistand, unser Finanzrat, ist verstummt. Dennoch dünktmich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen.Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Handdes entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, wenn demFreund Nachbar beliebt hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieserunverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte,daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einenFußbreit entfernt habe? Daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnungsind eingeführt worden, daß der Nachbar Berggeist seine Ehre gerettethätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofürSie ihn halten.'

Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung,und die schönen Fräulein legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand undsahen dem Tischwirt starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen,ob das im Scherz oder Ernst gesagt sei. Die nähere Erörterung dieser Frageunterbrach die Ankunft des wiederaufgefundenen Bedienten und des Postkutschers.Der letztere fühlte eben die Wonne bei Erblickung seiner vier Rappen imStalle, die der erstere empfand, als er frohlockend ins Tafelgemach eintratund daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierendtrug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch daser wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war.

Das Haupt wurdedem Arzte übergeben, um sein Gutachten darüber auszustellen. Doch ohnesein Messer anzustellen, erkannte er es alsbald für einen ausgehöhltenKürbis, der mit Sand und mit Steinen angefüllt und durch den Zusatz einerhölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem grotesken Menschenantlitzaufgestutzt war. Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander,da der Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetesNachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte,daß die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichtewieder vorzugaukeln und durch ihr gewöhnliches Schattenspiel ängstlicheTräume anzuspinnen.

Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelteund die Fräulein weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, inden weichen Daunen auch auf dem anderen Ohr zu schlafen. Allein die Gräfinverlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades möglichst bald zu versuchen,daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war,einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräulein dem Ball beigewohnthätten, den er ihnen zu geben verhieß.

Gerührt durch die freundschaftlicheAufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn vom Riesental genossen hatten,der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen dasGeleit gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückreisewieder einzusprechen. Kaum war der Gnom in seiner Burg angelangt, so wurdeder Krauskopf ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge,die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebrachthatte.

'Elender Erdenwurm,' redete ihn der Geist an, 'was hält mich ab,daß ich dich zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohnverübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.'- 'Großguter Regent des Riesengebirges,' fiel der Schlaukopf ihm ein,'so wohlbegründet Eure Rechte über diesen Grund und Boden sein mögen,die ich Euch auch nicht streitig mache, so sagt mir erst, wo Eure Gesetzeangeschlagen sind, die ich übertreten habe, und dann verurteilt mich.'Diese Virtuosensprache und die dreiste Ausflucht, die der Gefangene seinemstrengen Richter im Wege des Rechtes entgegenstellte, ließen keinen gewöhnlichenMenschen vermuten. Darum mäßigte der Geist seinen Unwillen einigermaßenund sprach: 'Meine Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aberdamit du nicht sagen kannst, daß ich dich unverhörter Sache verurteilthabe, so rede und bekenne mir frei: wer bist du und was trieb dich, hierim Gebirge als ein Gespenst zu tosen?' Das war dem Verhafteten lieb zuhören, daß er zum Worte kommen sollte, hoffte durch die getreue Erzählungseiner Schicksale sich von der verwirkten Rache des Geistes loszuschwatzen,oder die Strafe doch wenigstens zu mildern. 'Weiland,' fing er an, 'hießich der arme Kunz und lebte in der Sechsstadt Lauban als ein ehrlicherBeutler kümmerlich von meiner Hände Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe,das kärglicher nährt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel gutenVertrieb fanden, weil die Rede ging, das Geld ruhe darin wohl, indem ichals der siebente Sohn meines Vaters eine glückliche Hand hätte, so widerlegtesich doch dieser Glaube durch mich selbst; mein eigener Beutel blieb immerleer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage.

Daß aber meinenKunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so wohl konservierte,lag meinem Bedünken nach weder an der glücklichen Hand des Meisters, nochan der Güte der Arbeit, sondern an dem Stoff meiner Beutel: sie warenvon Leder. Ihr sollt wissen, Herr, daß ein lederner Beutel das Geld allezeitfester hält als ein netzförmiger durchlöcherter von Seide. Wem an einemledernen Beutel genügt, der ist nicht leicht ein Verschwender, sondernein Mann, der, wie das Sprichwort sagt, den Knopf auf den Beutel hält;die durchsichtigen aber von Seide und Goldzwirn befinden sich in den Händenvornehmer Prasser, und da ist's kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnenwie ein durchlöchert Faß und, so viel man auch hineinschüttet, dennochimmer leer und ledig bleiben. Mein Vater prägte seinen sieben Buben fleißigdie goldene Lehre ein: Kinder, was ihr tut, das treibt mit Ernst; darumtrieb ich mein Gewerbe unverdroßen, ohne daß mein Nahrungszustand dadurchgefördert wurde.

Es kam Teurung, Krieg und bös Geld ins Land; meine Mitmeisterdachten: Leicht Geld, leichte Ware, ich aber dachte: Ehrlich währt amlängsten, gab gute Ware für schlecht Geld, arbeitete mich an den Bettelstab,war in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gestoßen und, als michmeine Gläubiger nicht mehr länger ernähren wollten, ehrlich des Landesverwiesen. Auf dieser Wanderschaft ins Elend begegnete mir einer meineralten Kunden; er ritt auf einem stolzen Roß stattlich einher, rief michan und höhnte mich: Du Pfuscher, du Lump, bist, sehe ich wohl, deinerKunst nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weißt den Darm aufzublasenund ihn nicht zu füllen, machst den Topf und kannst nicht drein kochen,hast Leder und keinen Leisten dazu, machst so herrliche Beutel und hastkein Geld. - Höre, Gesell, antwortete ich dem Spötter, du bist ein elenderSchütz, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel.

Es sind mehr Dingein der Welt, die zusammengehören und die man nicht beieinander findet;hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen, oder eine Scheuerund keine Garben auszudreschen, einen Brotschrank und kein Brot, odereinen Keller und keinen Haustrunk, und so sagt auch das Sprichwort: Einerhat den Beutel, der andere das Geld. - Besser ist doch beides zusammen,versetzte er; bist du gesonnen bei mir in die Lehre zu treten, so willich einen vollkommenen Meister aus dir machen, und weil du das Beutelmachenso wohl verstehst, will ich dich auch lehren den Beutel zu füllen; dennich bin ein Geldmacher meines Handwerks; da nun beide Professionen einanderin die Hand arbeiten, ist's billig, daß die Kunstverwandten gemeine Sachemachen. - Wohl, sprach ich, seid Ihr ein zünftiger Meister in irgendeinerMünzstadt, so mag's drum sein; aber münzt Ihr auf Eure eigene Rechnung,so ist's halsbrechende Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann halte ichmich fern. - Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sprach er, und wer beider Schüssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende läuft'sauf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muß es dochgestorben sein. - Nur mit Unterschied, fiel ich ihm ein, ob einer alsein ehrlicher Mann stirbt oder als ein Übeltäter. - Vorurteil, rief er,was kann das für eine Übeltat sein, wenn einer ein Stück Metall rundet?Kurz, der Mann hatte eine Gabe, zu überreden, daß ich mir seinen Vorschlaggefallen ließ. Ich fand mich bald ins Handwerk, war eingedenk der väterlichenLehre, mein Geschäft mit Ernst zu treiben, und erfuhr, daß die Geldmacherkunstbesser und gemächlicher nähre als die Beutlerzunft. Aber wir wurden entdecktund laut Urteil und Recht auf Lebenszeit auf den Festungsbau gebracht.

Hier lebte ich einige Jahre nach der Regel der büßenden Brüder, bis einguter Engel, der damals im Lande herumzog, alle Gefangenen los und ledigzu machen, die knochenfest und rüstig waren, mir die Tür des Gefängnissesauftat. Es war ein Werbeoffizier, der mir anstatt für den König zu karren,den edleren Beruf gab, für ihn zu fechten. Mit diesem Tausch war ich wohlzufrieden; ich nahm mir nun vor, ganz Soldat zu sein, zeichnete mich beijeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim Angriff, und wenn wirzurückgingen, war ich so gewandt, daß mich der Feind nie einholen konnte.Das Glück wollte mir wohl, schon führte ich eine Rotte Reiter an und hofftebald höher zu steigen. Da ward ich einmal auf Fouragierung ausgeschicktund befolgte meine Order so streng und pünktlich, daß ich nicht nur Speicherund Scheuer, sondern auch Kisten und Kasten in Häusern und Kirchen reinausfouragierte. Zum Unglück war's in Freundes Land, das gab großen Lärm;gehässige Leute nannten das Unternehmen eine Plünderung, man machte mirals Plünderer den Prozeß, ich wurde degradiert durch eine Gasse von fünfhundertMann eilends aus dem ehrsamen Stande herausgestäupt, in dem ich gedachtemein Glück zu machen. Jetzt wußte ich keinen anderen Rat, als wieder zumeinem Beruf zu greifen; aber es fehlte mir an Barschaft, Leder einzukaufenund an Lust zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzuwohlfeilen Verkaufsein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte, sofaßte ich den Anschlag, mich dieser mit guter Arbeit wieder zu bemächtigen,und ob sie schon durch langen Gebrauch abgenutzt war, mich dennoch meinesSchadens in etwas dadurch zu erholen.

Darum fing ich an, die Taschen zuuntersuchen, und hielt jeden Beutel, den ich witterte, für einen von meinerArbeit, machte Jagd darauf, und alle derer ich mich bemächtigen konnte,erklärte ich alsbald als gute Prisen. Bei dieser Gelegenheit hatte ichdie Freude, einen guten Teil meiner eigenen Münze wieder einzukassieren;denn obgleich sie verufen war, so kursierte sie doch nach wie vor in Handelund Wandel. Dies Gewerbe ging eine Zeitlang wohl vonstatten; ich besuchteunter mancherlei Gestalten, bald als Kavalier, bald als Handelsmann Messenund Märkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand warso geübt und behend, daß sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlichnährte. Diese Lebensart behagte mir trefflich, daß ich beschloß, dabeizu verharren; doch der Eigensinn meines Geschicks gestattete mir nie,das zu sein, was ich wollte.

Ich bezog den Jahrmarkt zu Liegnitz und hatteda den Beutel eines reichen Pächters aufs Korn genommen, der von Goldstrotzte wie der Bauch seines Besitzers von Schmerz. Durch die Unbehilflichkeitdes schweren Säckels mißriet der Kunstgriff meiner Hand; ich wurde aufder Tat ergriffen und unter der gehässigen Anklage als ein Beutelschneidervor Gericht gestellt, obschon ich diesen Namen nicht in einer unehrlichenBedeutung verdiente. Ich hatte zwar ehedem Beutel genug zugeschnitten,aber nie hatte ich einem Menschen den Geldbeutel abgeschnitten, wie manmich doch beschuldigte; sondern alle, die ich erbeutet hatte, waren mirgleichsam freiwillig in die Hände gelaufen, als wenn sie zu ihrem erstenEigentümer zurückkehren wollten. Diese Ausreden halfen zu nichts, ichwurde in den Stock gelegt, und mein Unstern wollte, daß ich abermals nachUrteil und Recht aus meinem Nahrungsstande hinausgestäupt werden sollte.Diesem lästigen Verfahren kam ich zuvor, ersah meine Gelegenheit und strichmich in der Stille aus dem Gefängnis. Ich war unentschlossen, was ichnun anheben und treiben sollte, um nicht zu hungern; auch der Versuch,ein Bettler zu werden, mißriet.

Die Polizei in Großglogau nahm mich inAnspruch, wollte mich wider Willen und Dank verpflegen und mit Gewaltin einen Beruf hineinzwängen, der mir widerstand. Mit Mühe und Not entkamich dieser strengen Gerichtsbarkeit, die sich herausnimmt, die ganze Weltzu bevormunden. Ich mied darum die Städte und trieb mich als ein herumziehenderWeltbürger auf dem Lande herum. Hier traf sich's, daß die Gräfin geradedurch den Flecken reiste, wo ich meinen Aufenthalt hatte; es war etwasan ihrem Wagen zerbrochen, das wieder ausgebessert werden mußte, und untermehreren müßigen Leuten, welche die Neugierde trieb, nach der fremdenHerrschaft zu gaffen, trat ich auch mit unter den Haufen und machte Bekanntschaftmit dem Bedienten, der mir in der Einfalt seines Herzens anvertraute,daß ihm vor Euch, Herr Rübezahl, gewaltig bange sei, weil wegen des Verzugsdie Reise nun in der Nacht durchs Gebirge gehen würde. Das brachte michauf den Einfall, die Zaghaftigkeit der Reisegesellschaft zu nutzen undin der Geisterwelt meine Talente zu versuchen. Ich schlich mich seitabin die Wohnung meines Patrons und Pflegers, des Dorfküsters, der ebenabwesend war, bemächtigte mich seiner Amtskleidung, einem schwarzen Mantel;zugleich fiel mir ein Kürbis ins Gesicht, der zum Aufputz des Kleiderschrankesdiente.

Mit dieser Zurüstung und einem handfesten Bleuel versehen, begabich mich in den Wald und staffierte da meine Maske aus. Welchen Gebrauchich davon gemacht habe, ist Euch genugsam bekannt, und daß ich ihn ohneEure Dazwischenkunft meinem Meisterstreich glücklich ausgeführt hätte,ist außer Zweifel; mein Spiel war bereits gewonnen. Nachdem ich mich derbeiden feigen Kerle entledigt hatte, war meine Absicht, den Wagen tiefin den Wald hineinzuführen und, ohne den Damen das geringste zuleide zutun, nur einen kleinen Trödelmarkt zu eröffnen und den schwarzen Mantel,der in Absicht seiner mir geleisteten Dienste von keinem geringen Wertwar, gegen ihre Barschaft und Geschmeide zu vertauschen, ihnen eine glücklicheReise wünschen und mich bestens zu empfehlen. Aufrichtig gesprochen, Herr,von Euch fürchtete ich am wenigsten, daß Ihr mir den Markt verderben würdet.

Die Welt ist so ungläubig, daß man nicht einmal die Kinder mit Euch mehrfürchten machen kann, und wenn nicht etwa noch hier und da ein Tropf,wie der Bediente der Gräfin, oder ein Weib hinter dem Rock Euch zuweilenerwähnte, so hätte Euch die Welt längst vergessen. Ich dachte, wer Rübezahlsein wollte, der dürft' es, ich bin nun eines anderen belehrt und befindemich in Eurer Gewalt, habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben und hoffe,daß meine offenherzige Erzählung Euren Unwillen mildern werde. Euch wär'sein kleines, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Wenn Ihr mich, miteinem guten Zehrpfennig aus Eurer Braupfanne entließet, oder mir so wiejenem hungrigen Passagier ein Schock Heckschlehen von Eurem Zaune pflücktet,der sich auf Eurem Obst zwar einen Zahn ausbiß, aber die Schlehen hernachin eitel goldene Knöpfe verwandelt fand; oder wenn Ihr von den acht goldenenKegeln, die Euch übrig sind, mir einen verehrtet, davon Ihr den neuntenweiland einem Prager Studenten schenktet, der mit Euch kegelte; oder denMilchkrug, dessen geronnene Milch sich in Goldkäse verwandelte; oder wennich straffällig bin, mich so wie jenen wandernden Schuster schulmeisterhaftmit der goldenen Rute strichet, und mir solche hernach zum Andenken verehrtet,wie die Handwerker auf ihrem Gelagen und Herbergen von Euch zu erzählenwissen, so wäre mein Glück mit einem Male gemacht. Wahrlich Herr! WennIhr die Bedürfnisse der Menschen fühltet, so würdet Ihr ermessen, daßes schwer hält, ein Biedermann zu sein, wenn man an allem Mangel leidet;denn wenn man zum Exempel Hunger fühlt und kein Scherflein im Beutel hat,so ist es eine Heldentugend, eine Semmel nicht zu stehlen von dem Brotvorrat,den ein reicher Bäcker auf seinem Laden zur Schau ausgestellt hat.

DasSprichwort sagt: Not hat kein Gebot.' 'Geh, Schurke,' sprach der Gnom,nachdem der Krauskopf ausgeredet hatte, 'so weit dich deine Füße tragen,und ersteige den Gipfel deines Glücks am Galgen!' Hierauf verabschiedeteer seinen Häftling mit einem kräftigen Fußtritte, und dieser war froh,daß er mit so gelinder Strafe abkam und pries seine Rede, die seiner Meinungnach ihn diesmal aus einer sehr kritischen Lage gezogen hatte. Er sputetesich fleißigst, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen, undließ aus Eilfertigkeit den schwarzen Mantel zurück. So sehr er aber eilte,so schien es doch nicht, als wenn er aus der Stelle käme, er sah immerdie nämlichen Gegenden und Berge vor sich, obgleich er die Burg, in derer ein Gefangener gewesen war, aus dem Gesicht verloren hatte.

Abgemattetvon diesem endlosen Kreislauf, legte er sich unter einen Baum, im Schattenein wenig auszuruhen und auf irgendeinen Wanderer zu lauern, der ihm zumWegweiser dienen könnte. Darüber fiel er in einen festen Schlaf, und alser erwachte, war um ihn her dicke Finsternis; er wußte gar wohl, daß erunter einem Baume eingeschlafen war, gleichwohl hörte er kein Säuselndes Windes in den Ästen, sah auch keinen Stern durch das Laub schimmern,noch die geringste Nachthellung. Im ersten Schrecken wollte er aufspringen;da hielt ihn eine unbekannte Kraft zurück, und die Bewegung, die er machte,gab ein laut widerhallendes Geräusch wie das Geklirr von Ketten; nun wurdeer gewahr, daß er in Fesseln lag, und vermeinte viel hundert Klafter unterder Erde wieder in Rübezahls Gewahrsam zu sein, worüber ihm große Furchtund Entsetzen ankam. Nach ewigen Stunden begann es um ihn her zu tagen,doch fiel das Licht nur kärglich durch das eiserne Gitter eines kleinenFensters zwischen den Mauern herein.

Ohne zu wissen, wo er sich eigentlichbefand, kam ihm der Kerker doch nicht ganz fremd vor; er hoffte auf denGefangenenwärter, wiewohl vergebens. Es verlief eine lange Stunde nachder anderen, Hunger und Durst peinigten den Verhafteten, er fing an Lärmzu machen, rasselte mit den Ketten, pochte an die Wand, rief ängstlichum Hilfe und vernahm Menschenstimmen in der Nähe; aber niemand wolltedie Tür des Gefängnisses auftun. Endlich waffnete sich der Kerkermeistermit einem Gespenstersegen, öffnete die Tür, schlug ein großes Kreuz vorsich und fing an, den Teufel auszutreiben, der seiner Einbildung nachin dem ledigen Kerker tobte.

Doch da er die Spukerei näher betrachtet,erkannte er seinen entwichenen Gefangenen, den Beutelschneider, und Kunzden Kerkermeister in Liegnitz. Jetzt wurde er inne, daß ihn Rübezahl wiederzurückbefördert hatte. 'Sieh da, Krauskopf!' redete ihn der Gerichtsfrohnan, 'bist du wieder in deinen Käfig gehüpft? Woher des Landes?' - 'Immerda zum Tor herein,' antwortete Kunz, 'bin des Herumlaufens müde, habemich, wie Ihr seht, in Ruhe gesetzt und mein alter Quartier wieder aufgesucht,so Ihr mich beherbergen wollt.'

Obgleich niemand begreifen konnte, wieder Gefangene wieder in den Turm gekommen sei und wer ihm die Fesselnangelegt habe so behauptete Kunz, der sein Abenteuer nicht wollte kundwerden lassen, dennoch dreist, er habe sich freiwillig wieder eingefunden,ihm sei die Gabe verliehen, nach Gefallen durch verschlossene Türen ausund ein zu gehen, die Fesseln anzulegen, und sich ihrer, wenn er wollte,wieder zu entledigen; denn ihm sei kein Schloß zu fest. Durch diesen scheinbarenGehorsam bewogen, verschonten ihn die Richter mit der verwirkten Strafeund legten ihm nur auf, so lange für den König zu karren, bis er sichnach Gefallen der Fesseln entledigen würde. Man hat aber nicht vernommen,daß er von Bewilligung jemals Gebrauch gemacht hätte.

Die Gräfin Cäciliewar indessen mit ihrer Begleitung glücklich und wohlbehalten in Karlsbadangelangt. Das erste, was sie tat, war, den Badearzt zu sich zu berufenund ihn wie gewöhnlich über ihren Gesundheitszustand und die Einrichtungder Kur zu konsultieren. Trat herein der weiland hochberühmte Arzt DoktorSpringsfeld aus Merseburg. 'Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,'riefen Mama und die holden Fräulein ihm traulich und freundlich entgegen.'Sie sind uns zuvorgekommen,' fügte erstere hinzu, 'wir vermuteten Sienoch bei den Herrn von Riesental, aber loser Mann, warum haben Sie unsdort verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?' - 'Ach, Herr Doktor,' fielFräulein Hedwig ein, 'Sie haben mir die Ader durchgeschlagen, der Fußschmerzte mich, ich werde hier nur hinken und nicht mehr walzen können.'

Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, dieDamen irgendwo gesehen zu haben. 'Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifelmich mit einem anderen,' sprach er, 'ich habe vordem nicht die Ehre gehabt,Ihnen persönlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehört auch nichtzu meiner Bekanntschaft, und während der Kurzeit pflege ich mich nie vonhier zu entfernen.' Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von diesemstrengen Inkognito, das der Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben,als daß er ganz gegen die Denkungsweise seiner Kollegen für seine geleistetenDienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: 'Ich versteheSie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; sie soll mich nichtabhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten Beistanddankbar zu sein.' Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewaltauf, die der Arzt jedoch nur als Vorauszahlung annahm, und um die Dameals eine gute Kundin nicht unwillig zu machen, ihr nicht weiter widersprach.Doktor Springsfeld war keiner der unbehilflichen Ärzte, die außer derGabe, ihre Pillen und Salben anzupreisen, keine andere besitzen, sichihren Patienten lieb und angenehm zu machen; er wußte seine Kunden mitartigen Geschichten, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhaltenund ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern.

Da er vom Besuch der Gräfinseine medizinische Ronde ging, gab er die sonderbare Begegnung mit derneuen Kundschaft in jedem Besuchszimmer zum besten, ließ bei der oftmaligenWiederholung die Sache unvermerkt wachsen und kündigte die Dame bald alseine Kranke, bald als Medium oder Seherin an. Man war begierig, eine soaußerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin Cäcilie wurdein Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich in der Gesellschaftzu ihr, da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien.

Es warihr und den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschafthier anzutreffen, in die sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrnvon Riesental waren eingeführt worden. Der bebänderte Graf, der wohlbebauchteDomherr, der gelähmte Finanzrat fielen ihnen gleich zuerst in die Augen.Mit freundlicher Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame baldzu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namenund Charakter, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf diebei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungenund wußte sich nicht zu erklären, wohin das fremde und kalte Betragenaller der Herren und Damen deuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaftund Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie aufden Wahn, das sei eine verabredete Sache, und der Herr von Riesental würdeder Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorscheinkäme.

Sie wollte ihm trotzdem nicht den Triumph gönnen, über ihren Scharfsinngesiegt zu haben, und gab dem bekrückten Finanzrat scherzweise den Auftrag,seine vier Füße in Bewegung zu setzen und den Obersten aus dem verborgenenHinterhalt hervorzurufen und einzuführen. Alle diese Reden bewiesen nachder Meinung der Badegesellschaft so sehr eine überspannte Phantasie, daßsie samt und sonders die Gräfin bemitleideten, die nach dem Urteil allerAnwesenden eine sehr vernünftige Frau schien und ihren Reden und dem Gangeder Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Phantasie nichtden Weg über das Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet ausden bedeutsamen Gesichtszügen, Winken und Blicken, daß man sie schiefbeurteilte und daß man wähne, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedernins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Widerlegung dieses kränkendenVorteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers auf der schlesischenGrenze.

Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Märchen anhört,das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, davon man aber kein Wortglaubt. 'Wunderbar!' riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsamden Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte,die Patientin nicht eher seiner Pflege zu entlassen, bis das mineralischeWasser das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Phantasie würde weggespülthaben. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davonerwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte bei dem KarlsbaderArzt wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtigmachte, redete sie nicht mehr davon, und Doktor Springsfeld unterließnicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das dochauf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichter und Gliederschmerzenentledigt hatte. Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleinsich genug hatten begaffen und bewundern lassen, und sich satt und müdegewalzt hatten, kehrten Mutter und Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmenmit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreienObersten Wort zu halten, bei der Rückreise bei ihm vorzusprechen; dennvon ihm hoffte die Gräfin Auflösung des ihr unbegreiflichen Rätsels, wiesie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremdgegen sie gebärdete.

Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse desHerrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessenName sogar weder dieseit noch jenseit des Gebirges bekannt war. Dadurchwurde die verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, dersie in Schutz genommen hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, derBerggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art anihr ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaftund glaubte nun von ganzem Herzen an die Existenz der Geister, obgleichsie um der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbarwerden zu lassen. Seit der Vision der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichtsmehr von sich hören lassen.

Er kehrte in seine unterirdischen Staatenzurück, und da bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach,der Lissabon und nachher Guatemala zerstörte, seitdem immer weiter fortgewütetund sich neuerlich bis an die Grundfeste des deutschen Vaterlandes verbreitethat, so fanden die Erdgeister so viele Arbeit in der Tiefe, den Fortgangder Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr auf der Oberflächeder Erde hat blicken lassen. Denn daß die Länder am Rhein und Neckarstromauf ihrer alten Erdscholle noch so grund- und bodenfest stehen wie derBrocken und das Riesengebirge, das ist das Werk der wachsamen Gnomen undihrer unermüdlichen Arbeit.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

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